Dirty on the go? DatenqualitÀt in Online-Surveys zwischen PC und MobilgerÀten

Unsere Vergleichsanalyse anonymisierter mobiler und nicht mobiler Teilnahmen einer grossen Schweizer Kundenbefragung zeigt: Mobile Antworten fallen bezĂŒglich DatenqualitĂ€t leicht ab. Straightliner und kĂŒrzere Texte sind eine Herausforderung.

Das Internet in der Tasche mit sich tragen – was vor 25 Jahren eine utopische Vorstellung war, ist heute trivial. Die EinfĂŒhrung des Smartphones hat unser Leben verĂ€ndert, nicht zuletzt auch die Markt- und Meinungsforschung.

Mit immer besseren Internetverbindungen, grösseren Bildschirmen und einer schnellebigeren Gesellschaft mit permanenter Aufmerksamkeitsknappheit[5] stieg das BedĂŒrfnis im letzten Jahrzehnt stark an, Umfragen auch auf MobilgerĂ€ten anbieten und ausfĂŒllen zu können. Diese erhöhte Nachfrage mobiler oder zumindest mobilkompatibler Umfragen schafft nicht nur neue Herausforderungen fĂŒr das Design und die Handhabung von Onlineumfragen, sondern muss auch hinsichtlich DatenqualitĂ€t differenziert betrachtet werden.

Anhand anonymisierter Meinungsdaten einer Kundenbefragung eines grossen Schweizer Retailers, die 2014 lanciert wurde und seither tĂ€glich neue RĂŒcklĂ€ufe verzeichnet, analysieren wir die Entwicklung der mobilen Teilnahmen und deren Auswirkung auf die DatenqualitĂ€t.

DatenqualitĂ€t – Was ist das eigentlich?

70 Millionen Suchergebnisse bei Google demonstrieren die Relevanz des Begriffs “Data Quality” eindrĂŒcklich. WĂ€hrend im Alltag der Begriff “DatenqualitĂ€t” hĂ€ufig mit der Richtigkeit (PrĂ€zision) von Daten gleichgesetzt wird, ist DatenqualitĂ€t in der Markt- und Meinungsforschung komplexer. Hier stehen am Ende der Datenverarbeitung Auftraggebende oder Forschende als Consumer der Daten. Deshalb ist es besonders wichtig, zu verstehen, dass DatenqualitĂ€t aus Consumer-Sicht oft ĂŒber die PrĂ€zision von Werten hinausgeht und auch Aspekte wie beispielsweise GlaubwĂŒrdigkeit, Relevanz, VollstĂ€ndigkeit, Interpretierbarkeit, Konsistenz und ZugĂ€nglichkeit von Daten fĂŒr Consumer berĂŒcksichtigt[18]. Relevanz zum Beispiel umfasst, dass Daten fĂŒr ihren beabsichtigten Zweck tatsĂ€chlich geeignet sind, denn eine schlechte DatenqualitĂ€t kann zu fehlerhaften Entscheidungen und ineffizienten GeschĂ€ftsprozessen fĂŒhren, wĂ€hrend eine hohe DatenqualitĂ€t eine fundierte Entscheidungsfindung, bessere GeschĂ€ftsprozesse und letztendlich bessere GeschĂ€ftsergebnisse unterstĂŒtzt.

DatenqualitĂ€t, die in der Literatur mit zahlreichen verschiedenen Modellen beschrieben wird[6], kann durch geeignete Massnahmen optimiert werden. Einerseits vor der Feldphase, mittels elaboriertem Sampling, stringenter Fragebogenkonzeption und Pretesting. Andererseits in der Analyse und der technischen Bereinigung der bereits gewonnenen Daten. Hinzu kommen Meta-Aspekte der DatenqualitĂ€t wie Passung der Daten zur Forschungsfrage, Prozesstransparenz, faire Datengewinnung oder proaktiver Datenschutz, die Empowerment fĂŒr Kundinnen und Kunden bewirken[10].

Fallstudie: Kundenbefragung eines grossen Schweizer Retailers

Unsere Analyse erhebt erstmals a) eine durchmischte, reale Zielgruppe (Kundinnen und Kunden eines Retailers) mit b) grosser Datenmenge c) fĂŒr die Schweiz und hebt sich damit deutlich von bisherigen Studien ab. Sie orientiert sich methodologisch am Vorgehen von Schlosser und Mays[13], die 2018 den Einfluss von mobilen Teilnahmen auf die DatenqualitĂ€t an einer Gruppe von 820 deutschen Studierenden untersuchten.

Unsere Analyse greift auf vollstĂ€ndig anonymisierte Daten der Kundenbefragung eines Schweizer Retailers zurĂŒck, die 2014 in einem Unternehmensbereich lanciert und anschliessend sukzessiv auf weitere Unternehmensbereiche ausgeweitet wurde. Stand Mai 2023 lagen 345’000 UmfragerĂŒcklĂ€ufe mehrsprachig (de, fr, it) schweizweit vor. Der Fragebogen enthĂ€lt 6 Fragen. Darunter befinden sich eine Frage zur Weiterempfehlungsbereitschaft, eine Tabelle mit 5 Items und elfstufiger Likert-Skala, eine Frage mit offener Textantwort und zwei Ja-Nein-Fragen. FĂŒr die Beantwortung stehen die im Internet verbreiteten Radiobuttons und Textfelder zur VerfĂŒgung. Die mittlere Bearbeitungszeit belĂ€uft sich auf rund 2 Minuten. Es werden keine soziodemografischen Daten erhoben. Als Befragungssoftware wird die Umfrageplattform von onlineumfragen.com genutzt. Die Kundinnen und Kunden werden in einem mixed-mode Verfahren via E-Mail (ca. 95%) und SMS eingeladen (ca. 5%).

Entwicklung der Relevanz mobiler Teilnahmen 2014 bis 2023

In unserem Sample stieg der Anteil der mobi-len Teilnahmen, gemessen ĂŒber Browser Agent Strings und Bildschirmgrösse, seit 2014 stetig. Mobile Teilnahmen haben sich in der Zeit von 2014 bis 2023 mehr als verdreifacht.

Eine AbschwĂ€chung der Entwicklung in den letzten fĂŒnf bis sechs Jahren könnte mit einer SĂ€ttigung der Zielgruppe zu tun haben: Wer potenziell mobil teilnehmen möchte, verfĂŒgt nun auch ĂŒber die Möglichkeit.

Bild 1: Anteil mobile Teilnahmen Kundenzufriedenheitsbefragung im Retail-Sektor, 2014 bis 2023

Auswirkungen des mobilen Modus auf die DatenqualitÀt

Um DatenqualitĂ€t in konkreten Aspekten zu messen, wurde ein Subsample aus insgesamt 46’581 aktuellen Teilnahmen herangezogen. Die Eingrenzung erfolgte nach Datum jĂŒnger als 01.01.2022. Folgende Kriterien der DatenqualitĂ€t wurden untersucht:

  1. Reaktionszeit zur Umfrage-Einladung
  2. Bearbeitungszeit fĂŒr eine Frage
  3. Bearbeitungszeit ganze Umfrage
  4. Abschlussrate
  5. Item nonresponse
  6. Straightliner
  7. Extrem Response Style (ERS)
  8. LĂ€nge der Antworten auf offene Fragen

Benötigen mobile Teilnehmende mehr Zeit?

ZunĂ€chst wurde die Reaktionszeit zur Umfrage-Einladung ermittelt. Sie wurde ĂŒber die Differenz des Zeitstempels der Einladung zur Umfrage (Versandzeitpunkt Einladungs-E-Mail) zum Zeitstempel des Aufrufs der Umfrage (Klick auf Umfragelink) berechnet und auf Ausreisser bereinigt, indem nur Teilnahmen, die innert 7 Tagen ab Einladung erfolgten, berĂŒcksichtigt wurden.

Da die Teilnehmenden auf MobilgerĂ€ten daran gewöhnt sind, ihr Mobiltelefon stĂ€ndig bei sich zu tragen und erreichbar zu sein, gehen wir davon aus, dass diese Befragten schneller reagieren als Befragte, die die Einladung ĂŒber ihren PC erhalten (Hypothese 1).

Auf MobilgerĂ€ten betrug die mittlere Reaktionszeit 13 Stunden (M=13.15; SD=25.43; nmob=23’685), auf NichtmobilgerĂ€ten 22.75 Stunden (M=22.75; SD=34.26; npc=20’481), die Abweichung ist gemĂ€ss Welch-Test t(37137)=32.86 signifikant mit p<0,001 und die EffektstĂ€rke mit Cohen’s d=0.32 entspricht einem mittleren Effekt.

Wurden zusĂ€tzlich Teilnahmen zwischen 7 und 14 Tagen nach Einladung berĂŒcksichtigt, ergab sich mobil eine mittlere Reaktionszeit von 17.5 Stunden (M=17.53; SD=40.11; nmob=24’169), auf NichtmobilgerĂ€ten 31 Stunden (M=31.09; SD=53.81; npc=21‘335), die Abweichung ist gemĂ€ss Welch-Test t(38947)=30.08 signifikant mit p<0,001 und die EffektstĂ€rke mit Cohen’s d=0.29 zeigt einen knapp mittleren Effekt.

Die Teilnahmen durch Personen, die MobilgerĂ€te fĂŒr die Umfrage nutzen, erfolgen also im Mittel rund 9.6 (resp. 13.6) Stunden frĂŒher und damit deutlich nĂ€her am Zeitpunkt der Einladung (Hypothese 1 bestĂ€tigt). Dies könnte je nach Umfrage einen Einfluss auf Themen wie Erinnerungsleistung, Teilnahmemotivation oder die EmotionalitĂ€t der RĂŒckmeldungen haben.

Die mittlere Beantwortungszeit fĂŒr eine Frage wurde als Differenz zwischen dem Zeitpunkt der abgeschlossenen Anzeige im Browser und dem Klicken auf den Button “Speichern – nĂ€chste Frage” bei einer Tabellenfrage bestehend aus 5 Items mit elfstufiger Likert-Skala zur Zufriedenheit bestimmter Aspekte des Einkaufserlebnisses gemessen. Die Frage wurde mobil und nicht mobil methodologisch identisch prĂ€sentiert und nur im SeitenverhĂ€ltnis der Tabelle, der Breite und der Schriftgrösse im Sinne einer responsiven Darstellung mobil optimiert. FĂŒr die mobilen Teilnahmen rechnen wir mit einer erhöhten Beantwortungszeit fĂŒr komplexere Tabellenfragen[4], da diese mobil schwieriger zu erfassen sind, die mobile Befragungssituation oft konzentriertes Beantworten erschwert, Fragen etwas weniger leicht zu lesen sind und die technische Erfassung der Antworten (Touchscreen) etwas anspruchsvoller und fehleranfĂ€lliger ist (Hypothese 2).

Das arithmetische Mittel der Bearbeitungszeit wurde auf Ausreisser bereinigt (Zeit > 10 Sekunden und < 180 Sekunden) und liegt bei den mobilen Teilnahmen bei 40 Sekunden (M=40.09; SD=23.01; nmob=20’333), bei den nicht mobilen GerĂ€ten bei 36 Sekunden (M=35.70; SD=20.53; npc=19’402).

Die Abweichung ist gemĂ€ss Welch-Test t(39555)=20.09 signifikant mit p<0,001 und die EffektstĂ€rke mit Cohen’s d=0.2 zeigt einen kleinen, aber vorhandenen Effekt. Die Bearbeitungszeit ist auf NichtmobilgerĂ€ten etwas geringer (Hypothese 2 bestĂ€tigt).

Die Bearbeitungszeit fĂŒr die ganze Umfrage wurde aus der Differenz der Anzeige der ersten Frage am Bildschirm und des Klickens auf den Button “Speichern” bei der letzten Frage berechnet.

Weil das AusfĂŒllen einer Umfrage ĂŒber MobilgerĂ€te mĂŒhsamer und störanfĂ€lliger sein kann und auch die mobile Befragungssituation in der Regel mehr Ablenkungen ausgesetzt ist, könnte die Gesamtbearbeitungszeit mobil höher ausfallen. Andererseits könnte durch genau diese situativen Faktoren die Motivation, die Umfrage elaboriert “in Ruhe” und genau auszufĂŒllen, abgeschwĂ€cht sein, und es findet vermehrt eine schnellere, oberflĂ€chlichere kognitive Verarbeitung statt, speziell bei Fragen, die sich nicht mit dem individuellen inhaltlichen Feedback-Kern decken und eher als Ballast empfunden werden. Daher vermuten wir in AbwĂ€gung dieser Überlegung fĂŒr die mobilen Teilnahmen eine etwas kĂŒrzere Gesamtbearbeitungszeit (Hypothese 3).

Das arithmetische Mittel der Gesamtbearbeitungszeit wurde auf Ausreisser bereinigt (Zeit > 10 Sekunden und < 300 Sekunden) und liegt bei den mobilen Teilnahmen bei 118 Sekunden (M=118.17; SD=63.68; nmob=17’435), bei den nicht mobilen GerĂ€ten bei 116 Sekunden (M=115.73; SD=65.40; npc=16’915).

Die Abweichung ist gemĂ€ss Welch-Test t(34237)=3.50 signifikant mit p<0,001 und die EffektstĂ€rke mit Cohen’s d=0.038 zeigt einen sehr kleinen Effekt. Die Bearbeitungszeit ist auf MobilgerĂ€ten somit minimal lĂ€nger.

Ein spannendes Bild zeigt sich bei einer weniger starken Bereinigung von Ausreissern (Zeit > 10 Sekunden und < 3600 Sekunden). Dann liegt die Gesamtbearbeitungszeit bei den mobilen Teilnahmen bei 173 Sekunden (M=172.50; SD=237.03; nmob=19’619), bei den nicht mobilen GerĂ€ten bei 185 Sekunden (M=184.69; SD=256.90; npc=19’518). Diese Abweichung ist gemĂ€ss Welch-Test t(38851)=4.88 signifikant mit p<0,001 und die EffektstĂ€rke mit Cohen’s d=0.05 zeigt einen kleinen Effekt, aber nun dauern die PC-Teilnahmen lĂ€nger. Dies könnte damit zusammenhĂ€ngen, dass es auf PCs eine höhere Anzahl an Teilnehmenden gibt, die die Umfrage unterbrechen und nach einer Pause (z.B. Mittagspause, TelefongesprĂ€ch, etc.) fortsetzen. Damit ergeben sich schnell sehr lange (aber nicht andauernd von AktivitĂ€t geprĂ€gte) Bearbeitungszeiten. Unter Ausschluss von Gesamtbearbeitungszeiten ĂŒber 5 Minuten sind mobile Teilnahmen also geringfĂŒgig langsamer und weisen weniger Pausen auf (Hypothese 3 teilweise abgelehnt). Weshalb bei Einschluss von Gesamtbearbeitungszeiten bis zu einer Stunde die PC-Teilnahmen lĂ€nger dauern, mĂŒsste weiter untersucht werden und könnte auch mit einem höheren Anteil an Ă€lteren und weniger IT-affinen Personen in der PC-Gruppe zusammenhĂ€ngen, sowie auch damit, dass am PC generell etwas lĂ€ngere Texte bei Textantworten erfasst werden – jedoch werden diese oft auch schneller getippt (siehe Hypothese 8).

Bild 2: Reaktionszeit (RZ), Beantwortungszeit Tabellenfrage (BZ Frage) sowie Beantwortungszeit Gesamter Fragebogen (BZ Gesamt)

Brechen mobile Teilnehmende hÀufiger ab?

Weiter wurde die Abschlussrate berechnet. Sie bezeichnet die Anzahl der Teilnehmenden, die den Fragebogen bis zum Schluss ausgefĂŒllt haben (letzte Frage wurde beantwortet).

Da das AusfĂŒllen der Umfrage ĂŒber mobile GerĂ€te weniger bequem sein kann, in “mobilen Situationen” oftmals vermehrt Ablenkungen auftreten und eine Umfrage auch nebenbei beantwortet werden könnte[1][3][8], sollte die Abbruchquote in der Mobil-Gruppe höher sein als in der PC-Gruppe (Hypothese 4).

Auf MobilgerĂ€ten betrug mit einer Stichprobengrösse von nmob=24’613 die Complete-Rate 82.3% (ncomp_mob=20’259), sowie mit npc=21’968 auf NichtmobilgerĂ€ten 89.6% (ncomp_pc=19’679). Die Abweichung hat ein Odds Ratio[16] von 0.5412 mit p<0,001 (entspricht Cohen’s d von rund 0.33 als mittlerer Effekt[2]), der Unterschied ist gemĂ€ss Fisher‘s Exact Test signifikant mit p<0,001. Die Abschlussrate ist also auf MobilgerĂ€ten rund 7,3 Prozentpunkte tiefer. Umgekehrt betrachtet wurde eine Abbruchquote (Break-Off Rate) von mobil 17.7% gegenĂŒber nicht mobil 10.4% beobachtet. Dies entspricht einer doch deutlichen Erhöhung um zwei Drittel (Hypothese 4 bestĂ€tigt).

Bild 3: Abbruchrate Mobil vs. PC

Antworten mobile Teilnehmende weniger aufmerksam?

Der Begriff Item Non-Response beschreibt das Nichtbeantworten von Fragen, oder – bei Pflichtfragen, die bei Auslassen nochmals gestellt werden wie in unserem Fragebogen – die Auswahl einer Ausweichkategorie wie zum Beispiel “weiss nicht” oder “keine Antwort” bei Single- und Multiple-Choice-Fragen oder Tabellen mit Likert-Skalen. Untersucht haben wir dazu die im Fragebogen enthaltene Tabellenfrage mit 5 Items/Zeilen, die eine elfstufige Likert-Skala von höchst zufrieden bis höchst unzufrieden sowie die Ausweichkategorie “nicht beurteilbar” anbietet. Unsere Berechnung zeigt, wie oft die Ausweichkategorie ausgewĂ€hlt wurde.

Aus denselben GrĂŒnden wie bei Hypothese 4 vermuten wir, dass die HĂ€ufigkeit von Item Non-Response mobil höher ist als am PC (Hypothese 5). Limitierend fĂŒr diese Studie ist anzumerken, dass Pflichtfragen eingesetzt wurden und daher das Kriterium “Item Non-Response” keine eigentlichen Nicht-Antworten erfasst, sondern lediglich die Nutzung der Ausweichkategorie, und diese zudem mit “nicht beurteilbar” statt typischerweise “weiss nicht/keine Antwort” beschriftet ist.

Auf MobilgerĂ€ten betrug mit einer Gesamtantwortanzahl von nmob=107’131 der Anteil an “nicht beurteilbar”-Antworten 3.39% (nw_mob=3’626), auf NichtmobilgerĂ€ten mit npc=101’225 Antworten 4.48% (nw_pc=4’535).

Diese Abweichung hat ein Odds Ratio[16] von 1.3385 mit p<0,001 (entspricht Cohen’s d von 0.16 als schwacher Effekt[2]), der Unterschied ist gemĂ€ss Fisher‘s Exact Test signifikant mit p<0,001. Der Prozentsatz an “nicht beurteilbar”-Antworten ist entgegen unserer Vermutung auf MobilgerĂ€ten damit um rund einen Viertel tiefer (absolut 1.09%). Die Hypothese 5 wird damit vorlĂ€ufig abgelehnt.

Dies könnte auf eine höhere DatenqualitĂ€t hinweisen, könnte aber auch daran liegen, dass die Ausweichkategorie mobil auf Grund des kleinen Bildschirms der Position ganz rechts als marginal wahrgenommen wird, oder dass Teilnehmende auf MobilgerĂ€ten zu bequem sind, die vorhandene Ausweichkategorie ĂŒberhaupt erst auszuwĂ€hlen, und daher sogenannte Trash-Antworten hinterlegen und die Ausweichkategorie schlichtweg nicht akkurat benutzen. Zum Beispiel, indem eine Spalte mit immer gleichen Antworten ausgewĂ€hlt wird (“herunterkreuzeln” ohne nachzudenken).

Um diese Art der Verschmutzung genauer zu untersuchen, wurden nachfolgend auch einige Typen von Straightlining untersucht. Es handelt sich dabei um ein Null-Varianz-Antwortverhalten, bei dem ein immer gleicher Skalenpunkt unabhĂ€ngig von der Skalenbreite, -ausrichtung und Frageformulierung fĂŒr alle Zeilen einer Skalentabelle gewĂ€hlt wird, was hĂ€ufig bei unmotivierten Teilnehmenden auftritt[7]. Straightlining kann unter gewissen UmstĂ€nden dennoch valide sein, zum Beispiel wenn eine Item-Batterie eine hohe interne Konsistenz aufweist und alle Items in dieselbe Richtung formuliert sind[12]. Bei unserem Vergleich zwischen mobilen und nicht mobilen Teilnahmen ist dies besonders spannend, da in beiden Gruppen die Zahl der validen Straightliner konstant sein mĂŒsste (da sich die eigentliche Meinung, auch wenn sie ĂŒber die 5 Items hinweg einheitlich ist, von mobil und nicht mobil teilnehmenden Personen bei so grossen Stichproben nicht unterscheiden dĂŒrfte) und lediglich die Zahl der auf Grund der GerĂ€teverschiedenheit unterschiedlich agierenden Teilnehmenden, also die nicht validen Straightliner, variieren dĂŒrfte. Dieses sozusagen gerĂ€teinduzierte Straightlining stellt eine Datenverschmutzung dar.

Wir vermuten, dass mobile Teilnehmende hÀufiger Straightlining aufweisen als Teilnehmende am PC (Hypothese 6).

Auf MobilgerĂ€ten (Stichprobengrösse von nmob=21’500) betrug der Anteil an Teilnehmenden mit Straightlining 35.47% (nst_mob=7627), auf NichtmobilgerĂ€ten (Stichprobengrösse mit npc=20’252) 31.19% (nst_pc=6316), diese Abweichung hat ein Odds Ratio[16] von 1.2131 mit p<0,001 (entspricht Cohen’s d von rund 0.10 als schwacher Effekt[2]), der Unterschied ist gemĂ€ss Fisher‘s Exact Test mit p<0,001 signifikant. Straightlining ist damit bei MobilgerĂ€ten etwas hĂ€ufiger problematisch, insbesondere, wenn man davon ausgeht, dass valides Straightlining (bewusstes, elaboriertes Entscheiden fĂŒr immer dieselbe SkalenausprĂ€gung in allen Zeilen der Tabellenfragen) bei beiden Vergleichsgruppen theoretisch gleich hĂ€ufig sein mĂŒsste. Eine allfĂ€llig doch vorhandene Differenz mĂŒsste demnach ausschliesslich den Anteil “verschmutzter Daten” auf Grund von demotivational bedingtem Straightlining widerspiegeln. Damit dĂŒrfte der tatsĂ€chliche Effekt grösser sein als der gemessene Effekt. Beispielsweise wĂŒrden nach Abzug von angenommen 30% validen Straightliner fĂŒr die nicht validen Straightliner mobil 5.47% und nicht mobil 1.19% â€œĂŒbrig bleiben”, also schon fast 5 mal mehr (Hypothese 6 bestĂ€tigt).

Der Begriff Extreme Response Style (ERS) bezeichnet ein spezifisches Antwortverhalten, bei dem in Tabellenfragen mit Likert-Skalen die Extrempunkte ĂŒbermĂ€ssig oder ausschliesslich genutzt werden. Wir klassifizieren fĂŒr diese Studie Teilnehmende, die ausschliesslich Skalenendpunkte genutzt haben und mindestens eine Zeile mit einer diametral anders gepolten Antwort ausgewĂ€hlt haben (z.b. 4 mal “höchst zufrieden” und 1 mal “höchst unzufrieden”, 3 mal “höchst zufrieden” und 2 mal “höchst unzufrieden”, 2 mal “höchst zufrieden” und 3 mal “höchst unzufrieden” etc.).

Wir vermuten, dass ESR auf Grund der Seltenheit des PhÀnomens bei mobilen Teilnahmen nicht signifikant hÀufiger auftritt als am PC (Hypothese 7).

Auf MobilgerĂ€ten (Stichprobengrösse von nmob=21’500) betrug der Anteil an Teilnehmenden mit ESR 0.35% (nesr_mob=75), auf NichtmobilgerĂ€ten (Stichprobengrösse mit npc=20’252) 0.38% (nesr_pc=77), diese Abweichung hat ein Odds Ratio[16] von 1.3993 mit p=0,62, der Unterschied ist gemĂ€ss Fisher‘s Exact Test nicht signifikant. Es gibt damit keinen signifikanten (allenfalls nur zufĂ€lligen) Unterschied in der HĂ€ufigkeit von Extreme Response Style (ESR) zwischen Mobil- und NichtmobilgerĂ€ten (Hypothese 7 bestĂ€tigt).

Sind mobile Textantworten kĂŒrzer?

Die LĂ€nge der Textantworten auf offene Fragen kann ebenfalls ein QualitĂ€tskriterium sein, weil durch kĂŒrzere Antworten oft weniger substanzielle oder ungenauere Aussagen fĂŒr Auftraggebende herausgearbeitet werden können.

Bei mobilen Teilnahmen gehen wir aufgrund der umstĂ€ndlicheren Eingabetechnologie, der eingeschrĂ€nkten PlatzverhĂ€ltnisse und der mobilen Befragungssituation, die weniger elaborierte und zeitlich limitierte Reflexion begĂŒnstigen, von deutlich kĂŒrzeren Eingaben aus (Hypothese 8). Dies wurde bereits von Mavletova[9] sowie Toepoel and Lugtig[17] berichtet.

Das ausreisserbereinigte arithmetische Mittel der TextlĂ€ngen grösser als 0 und kleiner als 500 Zeichen auf die Frage “Was (
) hat Sie am meisten gefreut (
) oder verĂ€rgert?” liegt bei den mobilen Teilnahmen bei 71.57 Zeichen (M=71.57; SD=78.20; nmob=16’156), bei den nicht mobilen GerĂ€ten bei 100.95 Zeichen (M=100.95; SD=97.34; nmob=15’427).

Die Abweichung ist gemĂ€ss Welch-Test t(29572)=29.48 signifikant mit p<0,001 und die EffektstĂ€rke mit Cohen’s d=0.33 zeigt einen mittleren Effekt. Die Teilnehmenden, die nicht mobil geantwortet haben, hinterlegten also deutlich lĂ€ngere Texte (Hypothese 8 bestĂ€tigt).

Bild 4: Arithmetisches Mittel (ausreisserbereinigt) LĂ€nge Textantworten Mobil vs. PC

Tabelle 1: Zusammenfassung der Ergebnisse und EffektstÀrke

Fazit und Empfehlungen fĂŒr die Praxis?

DatenqualitĂ€t in Onlineumfragen wurde im Vergleich zwischen mobilen und nicht mobilen Teilnahmen bisher wenig untersucht, wobei Ergebnisse vorangehender Studien mit einem erstmals sehr grossen Sample aus einer aktuellen Schweizer Kundenbefragung in einer realen fĂŒr die Marktforschung relevanten Zielgruppe im Retail-Sektor weitgehend bestĂ€tigt werden.

Mobile Teilnahmen zeichnen sich in der vorliegenden Untersuchung im Unterschied zu nicht mobilen Teilnahmen aus durch


  1. eine erhöhte Abbruchrate (=tiefere Abschlussrate),
  2. eine höhere Datenverschmutzung durch nicht valides Straightlining,
  3. deutlich kĂŒrzere offene Textantworten mit möglicherweise weniger substanziellen oder detaillierten Aussagen,
  4. eine schnellere Reaktionszeit auf Umfrageeinladungen,
  5. etwas weniger hĂ€ufige Auswahl der Ausweichkategorie “nicht beurteilbar” in Likert-Skalen (was in Bezug auf DatenqualitĂ€t unklar ist, da Teilnehmende unter UmstĂ€nden mobil vorziehen, Trash-Antworten zu hinterlegen, anstatt akkurat die Ausweichkategorie zu benutzen, oder diese technisch auf MobilgerĂ€ten zu wenig salient platziert ist),
  6. uneindeutige Ergebnisse zur Antwortdauer auf einzelne Fragen und des gesamten Fragebogens, wobei auf nicht mobilen GerÀten mehr Pausen gemacht werden.

Grössere Unterschiede zwischen mobilen und nicht mobilen Teilnahmen bezĂŒglich DatenqualitĂ€t sind mit zunehmender Verbreitung technisch hochstehender Smartphones und Tablets und responsiven Fragebögen grundsĂ€tzlich nicht zu erwarten, da die noch vor wenigen Jahren beschriebenen EingabehĂŒrden (schlechte Prozessorgeschwindigkeit, sehr kleine Screens, Usability, mangelhafte Netze[11]) weitgehend aus dem Weg gerĂ€umt wurden.

Eine zentrale Ausnahme ist die zu erwartende geringere Textmenge und die damit möglicherweise weniger elaborierten und ausfĂŒhrlichen Angaben bei Fragen mit offenen Textfeldern, die gerade bei Fragebögen mit einer gewissen qualitativen Orientierung die DatenqualitĂ€t ganz wesentlich beeintrĂ€chtigen können.

Eine in mobilen Teilnahmen erhöhte Zahl an Straightliner – wie in dieser Studie gezeigt – kann durch ausgeklĂŒgelte Methoden[7][10] auch nachtrĂ€glich in Survey Daten bereinigt werden.

Zusammenfassend empfehlen wir, obenstehende Implikationen fĂŒr zukĂŒnftige geplante Umfragen regelmĂ€ssig zu reflektieren sowie potenzielle Vor- und Nachteile transparent zu kommunizieren. DarĂŒber hinaus empfehlen wir fĂŒr alle Onlineumfragen intensives Pretesting in gemischten Zielgruppen (mobil und nicht mobil), eine entsprechende und gezielte Analyse der Pretest-Daten vor Feldstart auf fĂŒr das Projekt wesentliche und in diesem Artikel beschriebene Parameter hin sowie das vorsorgliche Einbinden fachlicher Beratung durch Experten, gerade bei sensitiven Projekten.

Literaturverzeichnis weiter unten

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Raffael Meier

MitgrĂŒnder/CTO von onlineumfragen.com

raffael.meier@onlineumfragen.com
+41 44 500 5137

Nina Gwerder

Lead Consultant bei onlineumfragen.com

nina.gwerder@onlineumfragen.com
+41 44 500 5140

Die Autoren
Raffael Meier, MA, MSc – MitgrĂŒnder/CTO von onlineumfragen.com und Pionier der deutschsprachigen Onlineumfragetechnologie. Er befasst sich mit gesellschaftlichen und methodologischen Aspekten von Daten und berĂ€t Kundinnen und Kunden mit dem Ziel «Empowerment»

Nina Gwerder, MA – Lead Consultant bei onlineumfragen.com und spezialisiert auf die Beratung namhafter nationaler und internationaler Unternehmen rund um das Thema Onlineumfragen und deren effektive Auswertung

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